zeitzeugen start picDie Zeitzeugin Frau Lorenz lässt die DDR im Klassenzimmer lebendig werden. Die Klasse 7b des Schiller-Gymnasiums hatte vier Zeitzeugen zu Gast, die das Jahr 1989 in Hof als ein ganz besonderes erlebt und diese Erinnerungen mit den Schülern gerne geteilt haben.

Anstoß zu diesem Zeitzeugengespräch bot die Lektüre im Fach Deutsch: „Lilly unter den Linden“ von Anne C. Voorhoeve (Lesetipp!). Darin unternimmt die 13-jährige Lilly, die nach dem Tod ihrer Mutter Vollwaise ist, einen Fluchtversuch der etwas anderen Art, nämlich von Hamburg in die DDR, um bei ihrer einzig lebenden Verwandten, ihrer Tante Lena, und deren Familie zu leben. Dort erlebt sie alle Tücken des DDR-Alltags mit. Im Laufe der Lektürearbeit stellten sich den Schülern natürlich zahlreiche Fragen zum Alltag in der DDR: „Was machten die Jugendlichen in ihrer Freizeit? War wirklich jeder in der FDJ? Wie gestaltete sich das Einkaufen in der DDR? Und wer wurde eigentlich alles von der Stasi überwacht?“ Schnell war klar, dass wir jemanden befragen möchten, der das alles „live“ miterlebt hat. Und so luden wir Frau Lorenz, die Mutter eines Schülers der 7b, in den Unterricht ein, die bis zum Alter von 12 Jahren in der DDR aufgewachsen ist. Sie erzählte uns von frustrierend langen Wartezeiten von bis zu 12 Jahren für einen neuen Trabi und dass ihr Vater in Ostberlin dann schließlich einen quietschgrünen gebrauchten Moskwitsch (Anm.: russische Automarke) erstehen konnte, mit dem die Familie, außer sich vor Freude, sogleich eine nächtliche Spritztour durch die Plauener Innenstadt unternahm. „Auch bei der Bekleidung musste man erfinderisch sein“, erklärte sie. So nähte ihre Mutter aus alten Levi’s-Jeans (aus dem Westen!) eine Jacke für sie, die sie voller Stolz trug. Eine besondere Zeitzeugin war Frau Lorenz für uns auch deshalb, da sich die Klasse im Unterricht auch mit der Bedeutung Hofs bei der Ankunft der Prager Sonderzüge im Herbst 1989 beschäftigt hatte und sie eindrücklich von der heimlich geplanten Flucht ihres Bruders in die Prager Botschaft berichten konnte. Obwohl ihre Eltern stolz auf ihren Sohn waren, wurde die Familie in der DDR deswegen oft schikaniert. „Lange Wartezeiten auf dem Amt im Rathaus Plauen waren keine Seltenheit, man drohte meiner Mutter aber indirekt sogar, sie über einen unterirdischen Gang direkt ins Plauener Gefängnis zu überführen, wenn sie den Sohn weiterhin als Helden stilisieren würde“, erzählte sie eindrücklich. Als sie von den Repressalien im SED-Staat berichtete, war es im Klassenzimmer mucksmäuschenstill. Doch Frau Lorenz schwärmte auch von den Annehmlichkeiten der Westpakete, die die Verwandtschaft aus der BRD in die DDR schickte. Diese enthielten neben Kaffee auch Ananas aus der Dose – ein Festmahl! Den typischen Geruch des Westpakets nahm sie später auch in Hof, wo sie im November 1989 schließlich ankam und ihren Bruder wiederfand, in den hiesigen Supermärkten wahr. Und sie fragt sich: „Wo ist der Geruch heute? Ist er verflogen oder nimmt man ihn einfach nicht mehr wahr?“

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