zeitzeugen start picHof 1989 – eine Stadt im Ausnahmezustand. Zeitzeugen erinnern sich am Schiller-Gymnasium an diese aufregende Zeit. Vom Duft des Westens konnten auch drei andere Zeitzeugen berichten, die in der Folgestunde den Schülern Rede und Antwort standen, als es um die Frage ging: „Was war im November 1989 in unserer Stadt los?“

Allerdings beherrschte damals „Trabi-Smog“, der sich wie eine Dunstglocke über Hof legte, für circa drei Monate das Stadtbild. Dennoch war die Hilfsbereitschaft der Hofer Bevölkerung beispielhaft, wie Dieter Döhla, Bürgermeister der Stadt Hof von 1988 bis 2006, und Margot Zrenner, die das Begrüßungsgeld in Hof mit ausbezahlt hatte, den Schülern anschaulich berichteten. Als Herr Döhla am 11.11.1989 nachts um vier Uhr von einem besorgten Anwohner der Klosterstraße per Telefon geweckt wurde, der ihm ankündigte, dass sich vor dem Rathaus eine lange Schlange von DDR-Bürgern gebildet hatte, die auf das Begrüßungsgeld warteten, war ihm noch nicht klar, dass er in den kommenden Wochen 90 Millionen Deutsche Mark an Begrüßungsgeld in seiner Stadt ausbezahlen würde. „Die Auszahlung von 100 DM pro Bürger erfolgte nur durch Vorlage des Reisepasses oder Personalausweises“, versicherte Frau Zrenner, die sich damals, wie viele andere auch, freiwillig für diesen Ehrendienst gemeldet hatte. Sie war, teilweise auch nachts, in der Freiheitshalle und der Christian-Wolfrum-Schule eingeteilt. „Wenn dort die Heizung nachts manchmal ausfiel, war es bitterkalt, aber das hat uns nicht abgehalten“, beteuerte sie. Damals wurden das Rathaus, die Freiheitshalle, aber auch Schulen quasi zu mobilen Bankschaltern umfunktioniert. „Das Geld wurde in Plastiktüten herbeigeschafft“, erinnerten sich Zrenner und Döhla lachend gemeinsam. Die Deutschlehrerin Daniela Falk ergänzte, dass nachmittags auch in einem Klassenzimmer am Hofer Schiller-Gymnasium das Begrüßungsgeld ausbezahlt wurde, sodass sich lange Schlangen über den gesamten Pausenhof bildeten, wie ihr ältere Kollegen berichteten. Dieser Umstand bot auch eine willkommene Einladung für einen Schülerstreich: Schüler der Oberstufe hängten an ein Klassenzimmer, in dem gerade Unterricht stattfand, das Schild „Hier Auszahlungsstelle Begrüßungsgeld“. Der Lehrer wunderte sich natürlich, warum sein Unterricht ständig von DDR-Bürgern gestört wurde. Frau Zajitschek wohnte damals längst in Schwarzenbach a.d.Saale, sie siedelte bereits 1948, kurz vor Gründung der DDR, von der sowjetischen in die amerikanische Besatzungszone über. Denn sie war sich damals schon sicher, SED bedeute „Schnelles Ende Deutschlands“. „Wir überquerten die Grenze bei Untertiefengrün, wo damals noch Schrebergärten lagen. Damit unser Vorhaben nicht entdeckt wurde, versteckten wir unsere Habseligkeiten auf einem Handwagen unter einem Haufen Mist“, erinnerte sie sich. Auch die Ankunft der Sonderzüge aus Prag bildete ein einschneidendes Erlebnis für die drei Zeitzeugen. Herr Döhla plauderte aus dem politischen Nähkästchen: „Der damalige Finanzminister Georg von Waldenfels rief mich im Urlaub an, um mir die Ankunft der Sonderzüge mit den Prager Botschaftsflüchtlingen anzukündigen. Er hatte die Information direkt vom damaligen Außenminister Genscher. Daraufhin brach ich meinen Urlaub im Bayerischen Wald natürlich ab.“ Was sich in den folgenden Wochen bis Ende des Jahres 1989 in Hof abspielte, ging in die Geschichtsbücher ein. „Die Hilfsbereitschaft der Hofer Bevölkerung war nahezu grenzenlos“, schwärmten die beiden Zeitzeuginnen. Herr Döhla ergänzte: „In der Freiheitshalle wurden hunderte Feldbetten aufgestellt, das Wohnheim der Beamtenfachhochschule wurde für eine Woche geräumt, um den Flüchtlingen Unterkunft zu bieten.“ Zudem stellten Hofer Bürger privaten Wohnraum zur Verfügung. „Schließlich waren bis zu 100.000 Menschen zusätzlich in der Stadt“, betonte Herr Döhla. Doch die Zeitzeugen berichteten auch von den Schattenseiten und so manch kapitalistischen Machenschaften: So boten doch fliegende Händler in der Hofer Innenstadt tatsächlich eine Banane für 1 DM an – ein Wucherpreis zu damaligen Zeiten! Als Herr Döhla davon hörte, sprach er, Sozialdemokrat durch und durch, einen Platzverweis aus.
Die Schüler zeigten sich tief beeindruckt von den Erzählungen der Zeitzeugen, boten diese ihnen doch die Möglichkeit, in die deutsch-deutsche Geschichte, die sich direkt vor ihrer Haustür abgespielt hatte, einzutauchen. „Ich finde es toll, wie sich die Hofer für die Auszahlung des Begrüßungsgelds ins Zeug gelegt haben, obwohl die Heizung nicht ging“, stellte Johanna beeindruckt fest. „Bei uns fällt da heutzutage die Schule aus“, fügte Lukas mit einem Augenzwinkern hinzu. Die Schüler bedankten sich schließlich mit kleinen Gastgeschenken bei den Zeitzeugen: einem Schiller-Mehrwegbecher, den die Umwelt-AG des Schiller-Gymnasiums gestaltet hat.

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