Sturm und Drang 1765 1790Der Sturm und Drang ist die kürzeste, deutscheste und genialste Epoche der deutschen Literatur. Man kann sie auch getrost als die Pubertät der deutschen Literatur bezeichnen.

 

Ihr könnt euch doch gewiss noch an das Gedicht Goethes von Prometheus erinnern, das wir im vergangenen Schuljahr besprochen haben und in dem es heißt: „Bedecke deinen Himmel, Zeus....“

Da steckt doch Rebellion pur darin, denn auch Goethe steckte einmal in seiner Pubertät, in seiner literarischen sozusagen, in seiner Sturm- und Drangphase.
In der Epoche des Sturm und Drang ging es darum, sich gegen etwas zu wenden, neue Formen der Literatur zu entdecken und diese zu revolutionieren.
Kurz beschreiben könnte man die Epoche auch mit den Worten: „lang ist´s her und schnell ist´s auch wieder vorbei“, denn sie dauerte gerade einmal knapp zwanzig Jahre, nämlich von 1767 bis 1784.
Die Zeit des Sturm und Drang wird auch Geniezeit bzw. Genieperiode genannt. Eine Gruppe junger deutscher Schriftsteller rebellierte gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse, gegen die alten Traditionen. Sie wollten Freiheit. Freiheit von politischer Unterdrückung, Freiheit von der Moral und den Regeln der Kirche und Freiheit von literarischen Vorgaben und Mustern.
An Stelle einer erlernbaren Regelpoetik, die man in Dichterakademien lernen konnte, setzten „die jungen Wilden“ die Selbständigkeit des Original-Genies. Das Genie stand dabei für das Urbild des höheren Wesens, des Menschen oder des Künstlers.
Das Bild stellt einen Menschen dar, der nach seinen eigenen Wünschen lebt und sich nicht der gesellschaftlichen Hierarchie unterordnet. Das Bild eines Menschen, der sich selbst entfaltet und trotzdem Rücksicht auf die Menschen in seinem Umfeld nehmen kann.
Dieses Wunschbild wurde zum Weltbild des schöpferischen Menschen. Doch um die individuellen und subjektiven Ansichten des Genies auszudrücken, war ein gewisses Maß an Egoismus notwendig. So wurde das Individuum in dieser Epoche wichtiger als die Gesellschaft.
Das führte logischerweise zu Konflikten zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft sowie den mit ihr verbundenen Regeln.
Und genau das war eines der bedeutenden Themen der literarischen Werke dieser Zeit.
Historisch betrachtet gilt die Epoche als Reaktion einer Jugend- und Protestbewegung auf das Zeitalter der Aufklärung und des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges. Die Dampfmaschine wurde zu dieser Zeit erfunden und die Menschen eroberten mit Heißluftballons erstmals den Himmel.
Die Aufklärung wollte die Herrschaft des Verstandes. Vernünftig sein, also der Vernunft gehorchen, das war das Gebot der Stunde.
In der Literatur führte das dazu, dass die Dichter ihre Leser belehren, erziehen und bilden wollten. Die Literatur kommt also ziemlich wissenschaftlich rüber: total anspruchsvoll, sehr gut gearbeitet, aber eben auch ziemlich langweilig.
Alles und jeder findet seinen Platz in der vernünftig geordneten Welt.
Die Dichter dieser Strömung genossen, wie gesagt, ein sehr hohes Ansehen und waren die Universalgenies ihrer Zeit. Sie zeichneten sich durch ihren gesellschaftlichen Stand aus, gehörten meist dem einfachen Bürgertum und der jungen Generation an. Ihnen war nahezu alles erlaubt, so dass sie fast uneingeschränkt ihre Kreativität, Individualität und Freiheit nutzen konnten, um neue Werke zu schaffen. Dies führte schließlich zu einer Verherrlichung der Dichter, so dass bei ihnen ein Gefühl der Einzigartigkeit allen anderen gegenüber aufkam. Sie waren gottesgleich.
Ein weiteres wichtiges Thema der Epoche war die Natur. Sie war Inspirationsquelle vieler Schriftsteller. Aber auch antike Helden, wie z.B. Prometheus, spielten eine wichtige Rolle.
Besonders die Sprache der Epoche unterschied sich von der bis dahin vorherrschenden. Sie wurde ausdrucksstärker und gleichzeitig wesentlich lebensnaher. Kraftausdrücke, Interjektionen, also Ausrufewörter, Gedankenstriche und Wiederholungen lassen sich jetzt vermehrt finden.
Vor allem die Ellipsen, also das Auslassen von Satzteilen, waren bedeutsam. Diese abgebrochenen Sätze spiegelten die innere Unabhängigkeit der Sprache wider. Die hochgestochene Sprache der Aufklärung wurde damit abgelöst.
Literarische Schreibregeln wurden in den Werken ignoriert und es wurde formlos, offen und frei geschrieben. Erst die Gefühle, Erfahrungen und das „Herzblut“ des Autors machte sein Werk wertvoll und einzigartig.
Damit verbunden waren individuelle und künstlerisch kreative Ausdrucksformen bei den Texten.
Die häufigste Form war das Drama, in dem die bestehende Weltordnung, also das feudale System, sehr kritisch beäugt wurde. Ebenso entstand in dieser Epoche der Briefroman, eine Art Prosa, die Platz bot, ganz individuelle Gefühle darzustellen.
Zu den bekanntesten Vertretern dieser Literaturzeit gehörten Johann Gottfried Herder, Heinrich Leopold Wagner, Gottfried August Bürger, Christian Friedrich Daniel Schubart, Friedrich Maximilian Klinger, Johann Wolfgang von Goethe sowie Friedrich Schiller.
Euch ist bestimmt aufgefallen, dass ich nur deutsche Autoren genannt habe und das liegt daran, dass es den Sturm und Drang in den anderen europäischen Ländern nicht gab. Er ist ein rein deutsches Phänomen. Deshalb habe ich eingangs auch von der „deutschesten“ Epoche der Literatur gesprochen.
Das große Vorbild der Schriftsteller war allerdings kein Deutscher, sondern niemand anderes als William Shakespeare. Dieser ist zwar zur Zeit von Goethe und Co. bereits mehr als 100 Jahre tot, seine Bedeutung für die jungen Autoren war jedoch nach wie vor riesig. Allerdings orientierten sie sich auch an Homer, dem ersten Dichter Europas.
In den Werken dieser Zeit geht es um Rebellion, um Inspiration, Gefühl und Natürlichkeit, um das Ausdrücken eigener Erfahrungen und Empfindungen. Es geht um eine kraftvolle Sprache, um sexuelle Befreiung, um Liebe, Gerechtigkeit und Selbstbestimmung.
Eines der bekanntesten Werke stammt von Goethe, nämlich die Leiden des jungen Werther.
Werther liebt Lotte, aber er scheitert an den Umständen und erschießt sich am Ende! Auch das eingangs zitierte Gedicht Prometheus fällt in diese Zeit.
Schiller verfasste das Drama „Die Räuber“, bei dem es um die zentralen Themen des Sturm und Drang, Gerechtigkeit und Freiheit, geht. Mit „Kabale und Liebe“, wo ein Adelskomplott dazu führt, dass zwei Liebende sterben, schrieb Schiller eine Anklage gegen den absolutistischen Ständestaat.
Schubart büßte seine Kritik an Kirche und Staat mit einer 10-jährigen Haftstrafe. Er war damit der Märtyrer des Sturm und Drang.
Der Autor F.M. Klinger gibt mit seinem Drama „Sturm und Drang“ der Epoche ihren Namen. Zuerst sollte das Stück über drei Reisende, die in einen Familienkonflikt geraten, den Titel „Wirrwarr“ tragen, was ja letztendlich auch irgendwie zur Pubertät gepasst hätte.

Und genau wie die Pubertät war der Sturm und Drang heftig. Aber: er ging auch relativ schnell wieder vorbei. Das Ende kommt, als sich die beiden prominentesten Vertreter, nämlich Schiller und Goethe, anderen Interessen zuwenden. Sie waren sozusagen gereifter.
Damit endet auch mein Ausflug in die kürzeste deutsche Literaturepoche und ich möchte mit Goethes Worten enden, die auch schon ein Ausblick auf unsere neue Lektüre sind. In „Faust“ steht nämlich der schöne Satz: „Es irrt der Mensch, solang er strebt.“

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