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Der bleibende Eindruck in der Nebenhöhle
Der extrovertierte Lebemensch weiß: kosmetischer Glitzer besticht durch Beständigkeit. Aus dem Gesicht mag man ihn verbannt haben, da nimmt die Freude über ihn allen anderen Ortes gerade erst ihren Anfang. Der geneigte Leser sei hiermit aufgefordert, nach glitzernden Mitgliedern unserer Schulfamilie Ausschau zu halten. Wahrscheinlich lächeln die heute etwas öfter als sonst. Sie haben am vergangenen Wochenende die Hoftexplosion 5 besucht.

 

Die Hoftexplosion ist nicht nur das größte Kunst- und Kultur-Festival in Franken. Das Konzept einer Emulsion aus alternativer Kunstausstellung, Skaterpark, Konzerten und Electro-Party sucht weit darüber hinaus seinesgleichen. Das Schiller-Gymnasium war dort dieses Jahr mit einem eigenen Pavillon vertreten, der bereits *vor* dem Glitzer reichlich funkelte. Acht Leuchtkästen hinterleuchteten transparente Malereien. Zusätzlich erschien ein Performance-Video von Isabel Höme mittels Rückprojektion auf der Stirnseite unseres Pavillons und lud viele lustwandelnde Besucher zum Verweilen ein.

 

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Weitere zwölf Schüler und Ehemalige nutzen diese Gelegenheit, um ihre künstlerische Position der Öffentlichkeit vorzustellen:

 

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Hannah Schnabel hatte letzten Jahr noch eine lose Sammlung an malerischen Experimenten eingereicht. Dass sie mit ihren kleinformatigen Leinwänden dieses Jahr eine zusammenhängende Serie vorlegt, ermöglicht den ungegenständlichen Formverläufen Raum zur Entfaltung. Die verschiedenen malerischen Spielarten ergehen aus einem durch Schwarz und Gold geprägten Farbraum, bekommen durch Beigabe von Sand einen Relief-Charakter und finden mit unterschiedlichsten Bild-Seiten-Verhältnissen statt.

 

DSC01407 KopieLa Niña (Nina Klamt) ist für ihre flächig aufgefassten Bildwelten in Acryl bekannt. Weiterhin dominieren dunkle Töne neben leuchtkräftigen Grüns. Dieser Farbcode hatte die Thematik von Ninas neuester Werkreihe bereits letztes Jahr geradezu vorweggenommen: kritisch beleuchtet sie Verschwendung, Ignoranz und Inseldenken. Es sind bildgewordene Fridays for Future, die aber nicht in plakativen Parolen erstarren, sondern mit Sinn für Formsymbolik, Farbkontrasten und herrlichen typografischen Bedeutungsweichen in den Bildtiteln zu überzeugen wissen.

 

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Zwei Collagen aus einer Vielzahl kleinerer Fotos hat Emily Maget auf Leinwänden aufgebracht. Dass es sich dabei um ein Fotoportrait unserer Stadt handelt, dass konnte der aufmerksame Betrachter rasch herausfinden. In einem chemischen Verfahren hat Emily Druckfarben von Trägerpapieren auf die grundierte Leinwand übertragen. Die Primärfarben des Markenzeichens von Hof hat Emily von der Oberkante der beiden Werke in opaken Rinnsalen über ihre Collagen fließen lassen, um den ansonsten vornehmlich technischen Werkprozess impulsiv zu kontrastieren.

 

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Luca Dietmann zeigt nur drei, allerdings ungleich größere Fotografien. Durch weitgehenden Verzicht auf Farbe entfalten ungewöhnliche Lichträume und dramatische Bewegungseffekte ihre unmittelbare Wirkung. Luca konzentriert sich auf die Suche nach technischer Perfektion. Seine jüngste Werkreihe besteht vor allem aus Objektinszenierungen und Naturfotografie. Sie haben besonderes Interesse bei weiteren Ausstellern dieser Werkform hervorgerufen.

 

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Aylin Cubukcu war eine der zuverlässigen Helferinnen beim Aufbau unserer Ausstellung. Schön, dass sie ihr Skateboard dabei hatte, denn die auf dessen Unterseite befindliche Schlange war das perfekte Motiv, um den tristen Betonboden unter unseren Füßen aufzuwerten. Entgegen seiner Erscheinung erwies sich das Tier als zahm, wusste aber trotz seiner Zerlegung Aylins erstes Gemälde zu bewachen, das spontan Teil unserer Ausstellung geworden war.

 

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Können breite Pinselstriche in koloristischer Farbgebung mehr sein, als eben dies? Wenn man die lauter vorgetragenen Kommentare unserer Besucher vor den Gemälden von Alexis Pererva zum Maß der Dinge erheben würde, so wäre die Antwort ein Nein. Was keine Mühe bereitet, darf schließlich schon aus Respekt vor jenen Künstlern keine Bewunderung hervorrufen, die sich Tag um Tag damit plagen der so genannten Realität hinterher zu jagen – gleichsam als sei die Fotokamera noch immer nicht erfunden worden. Die Verwechslung zwischen Kunst und Handwerk ist dann schnell geschehen. Leider ist es nicht vielen vergönnt, Alexis bei der Arbeit beobachten zu können; mit anzusehen, wie er in Unruhe und im ständigen Zweifel minutenlang um sein liegendes Papier läuft, bevor ein präziser vorausgedachter Strich seine Bildkomposition fortschreibt. Wer sich unvoreingenommen mit den abstrakten Ergebnissen befasst, der wird dennoch sehen.

 

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Fantastischer Realismus ist in den Aquarellen von Christian Waldhütter zu finden. Diese faszinieren durch elegante Kompositionen, harmonische Farbkombinationen und ihre minutiösen Valeurismus. Ein Triptychon, bestehend aus drei Hand-Studien, weist zudem feinste anamotmische Details auf, die auf das Spannendste durch poetisch anmutende Fremdkörper angereichert werden. Der Betrachter genießt das Wechselbad zwischen Schönheit und Erschaudern.

 

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Sehr konkret erscheinen auch die gezeichneten Donuts von Miriam Habicht. In einer bemerkenswerten Tour de Force ist es ihr gelungen, 50 Exemplare zu gestalten, von denen keines dem anderen gleicht. Neben offensichtlicheren Ausführungen lassen sich darunter auch lokale Varianten und politisch inspirierte Leckerbissen finden. Finden setzte in diesem Fall ein tatsächliches Suchen voraus. Nur drei Exemplare waren am Schiller-Pavillon angebracht. Alle Übrigen hatte Miriam mit viel Verve in beiden Festival-Hallen versteckt. Schmunzeln war unvermeidlich, wenn man bei der Leergut-Rückgabe einem Waldundwiesen-Donut über den Weg lief oder beim Tanzen an den plötzlich aufflammenden Leuchtkuben neben der Bühne einem Brexit-Donut begegnete. Miriam hat in der Geschichte der Hoftexplosion das erste immersive Guerilla-Kunstwerk geschaffen.

 

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Mia Dolla ist der Schulfamilie zuletzt durch ihren Sieger-Entwurf für den Schiller-Becher aufgefallen. Ihre heterogenen Bildwelten, mit dem Faserschreiber ausgeführt, sind von ihrem persönlichen Vokabular an selbst entwickelten Pop-Art-Elementen durchzogen und werden von kaligraphischen Aussagen ergänzt. Einer Arbeit aus der HTP4 folgend entstehen nun zunehmend männliche Portraits, die mal mehr, mal weniger mit Mias Pop-Art-Universum verbunden scheinen. Ihren Reiz beziehen diese auch durch scharf konturierte Schattierungen, die teilweise in einer individuellen, geometrisch aufgefassten Schraffur aufgelöst werden.

 

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Auf den schroffen Studien von Sonja Narr blicken uns wiederum meist weibliche Konterfeis entgegen, welche auf den ersten Blick die gängigen Schönheitsideale reproduzieren; nicht jedoch, ohne diese durch grafische Interventionen wie ausbrechende Farbströme oder überlagernde Mahle zu konterkarieren. Die leeren Blicke nehmen poetische Beigaben vorweg; Überlegungen, Beobachtungen, unbequeme Fragestellungen an den Betrachter. Sonjas Arbeiten deklinieren eine pessimistische Sicht auf eine Gesellschaft, die von überkommenen Ritualen und zermürbenden Worthülsen geprägt ist.

 

Hoftexplosion5 001 20191005 IMG59818 2 KopieFoto: Andreas Rau (www.raulinse.de)

Christina Krauß zeigte neben imposanten Fotografien vor allem sich selbst. Dieser Mensch gewordene Regenbogen hätte gewiss nur die halbe Strahlkraft entfaltet, wäre hier nicht reichlich – der geneigte Leser ahnt es bereits – Glitzer im Spiel gewesen.

Glitzer, der sich recht bald auch auf vielen Ausstellungsbesuchern wiederfinden sollte; Glitzer, der stolz in die Nachbarhalle auf die Tanzfläche getragen wurde, dabei zuverlässig herab rieselte und dem nächsten Interessenten den Weg zu Christina wies; Glitzer, der bald an jedem Stück Zeichenkohle haftete, an jeder Schokoladentafel, an jedem Mitglied des Ordnungsdienstes; Glitzer, der noch Tags darauf beim Abbau der Ausstellung von einem hoffnungslos übermüdeten Kunstlehrer vom Fußboden aufgetupft und hinterrücks auf die wundervollen Menschen aus der Organisation dieser einmaligen Veranstaltung geworfen wurde.

 

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Die ausstellenden Schüler danken mit mir der Hoftex-Gruppe, dem "Loch" und den vielen Schülern und Absolventen des Schiller-Gymnasiums Hof, die sich immerzu zum Austausch, zum Wiedersehen und zum Zeichnen bei uns eingefunden haben. So konnte unsere Ausstellung Tag für Tag wachsen.

Das größte Dankeschön geht an Daniel, Manuel, Yannick, Lena und allen anderen außergewöhnlichen Menschen, die uns vier Jahre lang unterstützt und ermutigt haben. Danke für eine großartige Zeit. Und denkt mal an uns, wenn Ihr etwas Glitzer hervor niest.

 


Auch zur vorangegangenen Hoftexplosion 4 gibt es einen Artikel.

Außerdem kann die Veranstaltungsreihe über das Fernsehen und ein soziales Netzwerk nachvollzogen werden.

 

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