Walhalla vonhintenDer Kunstkurs 2ku2 zog am 25. Oktober aus, in Donaustauf das „deutsche Parthenon“ zu erfahren. Es sollte eine lehrreiche Odyssee werden; mit Fokus auf unorthodoxem Kompetenzerwerb.


 

Als Ludwig I. den Bau dieser ganz besonderen Gedenkstätte für herausragende Persönlichkeiten „deutscher Zunge“ veranlasste, wollte er den zukünftigen Besuchern sicher einiges Abverlangen. Nach 358 Stufen spürt wohl jeder dieses überwältigende Gefühl der Erhabenheit hinter den Kniescheiben. Der bayerische König hat mutmaßlich nicht an all jene Wagnisse gedacht, die eine oberfränkische und ökologisch orientierte Schülergruppe unserer Gegenwart bereits auf dem Weg erwarten.

 

Walhalla innen

 

Die offenbar winterlichen Temperaturen sorgten bereits vor Beginn der Reise für einen Schülerschwund in Höhe von 32% netto. Gut so, was man nicht hat, kann man nicht verlieren, dachte der begleitende Lehrer, der noch nie eine außerstädtische Exkursion auf eigene Faust durchgeführt hatte. Als überzeugter Verteidiger des öffentlichen Nahverkehrs sah sich der selbe Lehrer dennoch rasch in Erklärungsnöte gebracht, als sich drei minder originelle Begleitumstände zu einer Verspätung von 25 Minuten subsummierten. Das schränkte jenen Zeitraum entschieden ein, der am Regensburger Hauptbahnhof für die kulinarische Verköstigung vorgesehen war. Dabei wusste der noch junge Lehrer von den Altvorderen nur zu gut, welch missliche Lage für den Einzelnen entstehen kann, wenn man von einem hungrigen Kurs umgeben ist.

Nur Gedanken brauchte er sich keine machen, da zwei Jungwölfe des Kunstrudels irgendwo zwischen dem Verlassen des Zuges und dem Versammeln vor dem Selbigen abhanden gekommen waren. Offenkundig hatte Regensburgs Großstadtdschungel zugeschlagen. Unversehens und unerbittlich. Der begleitende Lehrer machte sich bereits daran, seine Schwundquote zu aktualisieren, während es einigen der noch vorhandenen Schüler gelang, fernmündlichen Kontakt zu diesen beiden Pionieren des Hofer Orientierungssinns aufzunehmen. Als der Lehrer sich nach deren Aufenthaltsort erkundigte, staunte er nicht schlecht, als er „Nordsee“ zur Antwort bekam. Da Regensburg bekanntlich in Bayern liegt, schien die beschriebene Situation den Begriff des „Verlaufens“ auf eine gänzlich neue Ebene zu heben.

Walhalla Schiller„FRIEDRICH v. SCHILLER, DICHTER“
von Johann Heinrich Dannecker, 1794
Alle übrigen Schüler hatten sich zumindest ein Nahrungsmittel to run versorgt, bevor die wiedervereinten Gefährten in letzter Minute die Buslinie 5 besteigen konnten. Bekanntlich gehören Schüler des Hofer Schiller-Gymnasiums zur Sorte der Wohlerzogenen. Das Regensburger Lokalkolorit traf diese hier unvorbereitet: Ein Busfahrer, der über jedes hervorgebrachte Bayernticket an seinem Tobsuchts-Crescendo  arbeitet, war gewiss unsere erste Sehenswürdigkeit des Tages. Der selbe Busfahrer sollte jedoch dafür sorgen, dass die Gefährten so bald keine weitere zu Gesicht bekämen. Die Walhallastraße war an diesem Tage nur dem Namen nach ein Haltepunkt. „Sulzbach Neue Brücke“ sollte heute unsere Walhallastraße sein.

Als Frankenpost-Leser war dem begleitenden Lehrer bekannt, dass Schüler des Hofer Schiller-Gymnasiums zum Erreichen noch so fern erscheinender Ziele mit Vorliebe unausgetretene Wege gehen. Die neuerliche Wendung dieser Exkursion erschien so nur folgerichtig. Hin und wieder zerreibt sich jedoch wohlmeinde Metaphorik an den Steilhängen der semantischen Realität. In diesem Fall wurde dem Kurs alsbald deutlich, dass das Austreten neuer Wege eine Form des Schuhwerkes benötigt, die ich am einfachsten mit „anders, als das unsrige“ zu beschreiben imstande bin.

Einmal davon abgesehen, dass wir der Walhalla zum hypothetischen Leidwesens Ludwigs von hinten begegneten, bot sie uns dennoch einen beeindruckenden Anblick. Der Architekt Leo von Klenze hatte seinen König mit einem am Athener Parthenon orientierten griechischen Tempel überzeugen können – mit einer Bauform also, wie sie den Schülern aus einem architekturgeschichtlichen Crashkurs vom Beginn dieses Schuljahres wieder geläufig war. Doch selbst der unempfindliche Genießer einer großen Portion Pathos muss schlucken, wenn er diesen originär schlicht-monumentalen Bautypus mit germanischen Sagengestalten verziert vorfindet.

Unser Walhallaführer gehört zu den geduldigen, wie wir mit halbstündiger Verspätung festellen durften. Nach allerlei erhellenden Informationen zur abenteuerlichen Baugeschichte betraten wir den gänzlich in Marmor gefassten Innenraum. Von Büste zu Büste durchliefen wir in ausgewählten Episoden die Deutsche Staats- und Kulturgeschichte. Wir bewunderten die Kunstfertigkeit der Bildhauer, die über zwei Jahrhunderte lang an der Ausgetaltung dieser elitären Runde beteiligt gewesen waren und wir bemerkten mit Interesse, wie sich der Stil im Allgemeinen vom barocken Prunk hin zur modernen Abstrahiertheit entwickelt hatte. Im Jahre 2010 fand zuletzt Heinrich Heine als 130. Büste Einzug in die Walhalla. Dem ironischen Umstand, dass Ludwig I. diesem großen Dichter zutiefst abgeneigt war, trug Bert Gerresheim dadurch Rechnung, dass Heines Haupt als einziges nicht geradeaus in die Halle, sondern zum Eingang hinaus schaut – entgegengesetzt zur Richtung, in der Ludwig selbst als Skulptur verewigt residiert.

Walhalla JeanPaul„JEAN PAUL“
von Otto Sonnleitner, 1973
Und ehe man sich dessen versah – die klügeren Schüler debattierten gerade angeregt über einen geeigneten Aufstellort für eine Büste ihres Lehrers – galt es schon wieder die Heimreise anzutreten. An der echten Haltestelle Walhallastraße (Schiller-Schüler lassen sich nicht foppen) stand man leider zwanzig Minuten länger als geplant, bevor die stark verspätete Linie 5 den Kurs zurück zum Bahnhof brachte. Über diese Fahrt gäbe es im Grunde auch manches zu berichten. (Beispielsweise scheint die maximale Personenbeförderungszahl im einstöckigen Omnibus – 59 – eher ein unverbindlicher Richtwert zu sein, oder aber ebenfalls Lokalkolorit, oder beides.) Der Autor zieht es jedoch vor, dem Vergessen hier allen Raum zu bereiten, den es für zügige Fortschritte nötig hat.

Dass dem Kurs der avisierte Zug mit sechsminütiger Verspätung buchstäblich vor der Nase davonfuhr, musste in Anbetracht der Gesamtsituation als olympischer Hohn gedeutet werden. Der Reisegruppe wurde so immerhin ein geruhsames Abendessen im an den Bahnhof angeschlossenen Konsumtempel ermöglicht. Zu diesem Zeitpunkt befand sich der begleitende Lehrer reichlich zerknirscht. Sicher, so glaubte er, hätte man durch eine klassische Organisation manchen Unbill abwenden können. Die Schüler jedoch erwiesen sich als erstaunlich großmütig, als sie ihn im vietnamesichen Schnellrestaurant in ihrer Mitte Willkommen hießen. Demütig orderte der Lehrer Đậu Phụ Sốt Lạc Dừa (auch bekannt als „M1“); in der Hoffnung, alsbald in Ohnmacht und seinem Frühlingsrollenkurs nicht länger zur Last fallen zu müssen.

Doch es kam anders und die gesamten tapferen 68 %, die diese Odyssee angetreten hatten, beschlossen ihre Exkursion noch am selben Tag am Hofer Hauptbahnhof, von wo aus sie gewiss mit vielen neuen Eindrücken in die Sicherheit des eigenen Heimes entschwanden.

 

Walhalla 2ku2


Die folgenden Kalamitäten traten nicht ein:
  •  Regen
  •  eine Büste fällt vom Sockel und keiner war’s
  •  Führung durch einen Fachmann oberbayerischer Mundart
  •  Piratenüberfall

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